[Rezension] Die Elenden (Les Misérables) – Victor Hugo

Rezension

Die Elenden

Bevor ich in diese Rezension einsteige, möchte ich noch ein paar Dinge vorab sagen. Wie man unschwer an der Les-Mis-Themenwoche erkennen kann, ist es eigentlich schon klar, dass dieses Buch von mir meine Favoriten-Sterne bekommt.

Ich habe mir das Buch gekauft, nachdem ich mich schon hoffnungslos in das Musical verliebt hatte. Natürlich war ich ein wenig skeptisch, da sich die Musical-Version ja doch ein wenig von der Buchfassung unterscheidet, aber enttäuscht hat mich das nicht. Im Gegenteil: Es ist sogar um Längen besser.
Aber genug der schwärmerischen Worte und auf zu ernsteren Themen: die Rezension.

Worum gehts
Wir schreiben das Jahr 1815. Nach 19 Jahren Haft wird der Sträfling Jean Valjean, Nummer 24601, aus dem Zuchthaus in Toulon entlassen. Was er verbrochen hat? Er hat ein Stück Brot gestohlen, um das Kind seiner Schwester zu ernähren, und dabei eine Fensterscheibe zerbrochen. Eigentlich sollte er nach kurzer Zeit schon wieder entlassen werden, aber da er immer wieder zu fliehen versuchte, verlängerte sich seine Strafzeit stets. Javert, ein Aufseher im Straflager – dem Bagno – traut Valjean jedoch nicht über den Weg und lässt Valjean nach dessen Freilassung überwachen.
Nun ist Valjean zwar wieder frei, doch keiner will ihm Arbeit geben. Nach zahlreichen Abweisungen und einem langen Fußmarsch nimmt ihn aber ein Priester bei sich auf, gibt ihm Essen und ein warmes Bett. Valjean entwendet aber mitten in der Nacht Silbergeschirr und flüchtet, doch die Wachen in der Stadt können ihn aufhalten. Als sie ihn zurück zum Priester bringen, behauptet dieser, das Silber sei ein Geschenk gewesen und gibt ihm noch zwei silberne Kerzenständer dazu. Valjean wird freigelassen und beschließt, von nun an ein ehrenwertes Leben zu führen. Er zerreißt den gelben Zettel, der ihn als Ex-Sträfling und Kriminellen abstempelt, meldet sich nicht wie vereinbart regelmäßig bei der Polizei, nimmt eine neue Identität an und verschwindet vorerst von der Oberfläche.

1823, Montreuil. Die mittellose Fantine arbeitet in einer Fabrik. Sie schuftet hart, um Unterhalt für ihre kleine Tochter zahlen zu können, die in einem Dorf bei zwei Wirtsleuten lebt. Als sie eines Tages einen Brief von den beiden mit der Bitte, mehr Geld zu schicken, erhält, wird ihr Vorarbeiter misstrauisch. Er glaubt, Fantine arbeitet nachts als Prostituierte und entlässt sie daraufhin.
Fantine weiß nicht, wohin mit sich selbst. Keine Arbeit, kein Geld, kein Dach über dem Kopf. Und ihre kleine Tochter liegt weit entfernt krank bei den Wirtsleuten und erhält keine Medizin. Nachdem sie erst ihre Kette, dann ihr langes Haar und am Ende sogar ihre Zähne für ein paar Groschen verkauft, sieht sie keinen weiteren Ausweg, als sich zu prostituieren. Aber bald schon wird sie schwer krank und als sie dann auch noch von einem Freier angegriffen wird, brennt ihr die Sicherung durch. Die Polizei – darunter Javert, der mittlerweile Inspektor in Montreuil ist, – eilt herbei, um den Streit zu schlichten und auch der Chef der Fabrik, in der Fantine zuvor arbeitete, tritt zum Geschehen hinzu und veranlasst, dass Fantine in ein Krankenhaus gebracht und nicht in eine Gefängniszelle geworfen wird.

Im Krankenhaus liegt Fantine im Sterben. Der Chef der Fabrik, der sich als Jean Valjean entpuppt, weicht nicht von ihrer Seite und verspricht ihr am Sterbebett, sich um ihre kleine Tochter Cosette zu kümmern.
Als Fantine verstirbt, taucht Inspektor Javert im Krankenzimmer auf. Es kommt zum Kampf zwischen den beiden, doch Valjean gelingt die Flucht.

Immernoch 1823, Montfermeil. In einem Gasthaus lebt die kleine Cosette, Fantines Tochter. Doch sie wird von den Wirtsleuten – Madame und Monsieur Thénardier – misshandelt und muss schwer arbeiten. Ihre eigene Tochter, Éponine, behandelt das Ehepaar wie einen Goldschatz. Sie bekommt stets die neusten Kleider und die schönsten Puppen – alles bezahlt von dem Geld, das Fantine für die Unterbringung Cosettes bezahlt.

Eines Tages betritt Valjean das Wirtshaus der Thénardiers und rettet die kleine Cosette aus ihrem Unglück. Verfolgt wird er dabei immer noch von Javert, aber er schafft es, zu entkommen…

Mehr sei an dieser Stelle zum Inhalt nicht gesagt. Die gesamte Handlung wiederzugeben ist einfach zu viel des Guten 🙂 Alle Interessierten können hier gerne ein bisschen mehr zur Handlung erfahren.

Erster Eindruck

Dieser Roman ist ein wahres Meisterwerk der Literatur. Natürlich ist es keine kurze Geschichte, ganz im Gegenteil: Die Gesamtausgabe umfasst 1352 Seiten, aber als ich mir dieses Werk auf Amazon bestellen wollte, war nur die gekürzte Fassung (608 Seiten) verfügbar. Sehr schade, aber für den Anfang besser als gar nichts. Das Taschenbuch kam bei mir an und ich war glückselig. Das Cover zeigt eine Illustration von Jean Valjean mit der kleinen Cosette an der Hand. Natürlich kannte ich die Story bereits – zumindest in der Musicalfassung – und wusste deshalb, was mich erwarten würde. Das Buch selber hat mich dann jedoch noch einmal komplett überrascht…

Was mir gefallen hat

Details. Details. Und nochmal Details. Die Geschichte steigt nicht bei Jean Valjeans Entlassungstag ein, sondern dreht sich zunächst um Myriel, einen Pfarrer. Bereits im zweiten Satz des über 1000-Seiten-Wälzers wird darauf aufmerksam gemacht, dass Myriels Geschichte eigentlich gar nichts mit der Erzählung zu tun hat, aber doch nicht unwichtig ist. So wird erst einmal munter und detailliert darauf losgeblubbert. Wann Myriel Priester war, sein vollständiger Name, wer sein Vater war, was er wann tat, wieso, weshalb und warum. Bis der Name Valjean auftaucht, vergeht also eine gefühlte Ewigkeit. Und so geht es auf den nächsten 1352 Seiten weiter… Sehr detaillierte Beschreibungen von weniger wichtigen Nebenfiguren. Das schöne an der Erzählweise Hugos ist aber, dass es nie wirklich langweilig wird. Ja, es zieht sich wie Kaugummi. Aber Hugo beherrscht die Wortkunst wie kein anderer und fügt immer weitere, witzige, tragische oder tiefgreifende Kleinigkeiten hinzu, sodass es am Ende zu einem harmonischen Ganzen wird, das zwar auf den ersten Blick viel Unwichtiges preisgibt, auf den zweiten Blick jedoch mit jedem einzelnen Wort Sinn macht.

Der Roman ist aufgeteilt in fünf Teile. Jeder Teil erzählt die Geschichte einer Hauptfigur: Fantine, Cosette, Marius, Gavroche und Jean-Valjean. Jeder dieser Teile ist in verschiedene „Bücher“ unterteilt und jedes Buch enthält nochmal eine bemerkenswerte Anzahl an Kapiteln. Puh, da hat man aber was vor 🙂 Das Schöne an dieser Unterteilung ist, dass sich die Teile nicht ausschließlich auf die jeweiligen Hauptfiguren beziehen. Es wird zwar aus deren Sicht erzählt, die anderen Hauptfiguren kreuzen aber trotzdem die Kapitel. Ein chaotisches Puzzle mit tausenden Teilen, zusammengesetzt aber ein wunderschönes Ganzes.

Was mir an diesem Roman am besten gefallen hat, war die Tatsache, dass es nicht einfach nur eine willkürliche Lektüre war. Les Misérables könnte durchaus als Pflicht-Schullektüre durchgehen, hätte es nicht diese überdimensionale Länge. Klar, in manchen Schulen wird das Buch tatsächlich gelesen, nur leider gehörte ich damals nicht zu den Glücklichen. Und das ist auch gut so, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich beim Lesen nur wahnsinnig gelangweilt hätte. Dass ich es „erst“ jetzt als Erwachsene gelesen habe, finde ich also gar nicht so schlecht, schließlich denkt man im Erwachsenenalter doch ganz anders als mit 16, 17 Jahren. Und da ich bereits wusste, worum sich die Handlung dreht, konnte ich beim Lesen bereits eine Ebene tiefer in das Geschehen einsteigen und die wahren Werte des Romans entdecken.

Es ist eine Geschichte von Nächstenliebe, von Hingabe, Aufopferung. Es geht darum, niemals die Hoffnung aufzugeben, für das zu kämpfen, was man liebt. Das Buch zeigt, dass niemand niemals wirklich verloren ist, dass jeder seinen Platz in der Welt hat, dass das Gute manchmal auch schlechte Absichten und das vermeintlich Böse auch seine liebevollen Seiten hat. Dunkel, bedrohlich, gefährlich und doch sanft entwickelt sich die Geschichte. In jeder Ecke stecken Lebensweisheiten, einfache Sätze, die einen nicht loslassen und über die man wirklich nachdenken sollte!

Ein Zitat von Victor Hugo selbst lautet:

Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr: trotz seiner selbst.

Dieses Zitat beschreibt Die Elenden eigentlich recht treffend. Es ist eine Liebesgeschichte, eine tragische Lebensgeschichte, eine Kriegsgeschichte. Der Roman lässt einfach nichts aus.

Was ich nicht so gut fand

Es fällt mir oftmals sehr schwer, kritisch über etwas zu denken, was ich doch so sehr liebe. Auch hier fällt es mir wirklich schwer. Die Elenden ist ein Meisterwerk und ich bin so froh, es gelesen zu haben, denn für mich persönlich ist es eine Bereicherung, die meine Sichtweise auf so manche Dinge verändert hat. Natürlich habe ich mich vor Verfassen dieser Rezension mit einigen anderen kritischen Stimmen befasst. Viele davon bemängeln die Detailtreue und Länge dieses Romans. Das ist natürlich nicht gelogen, aber für mich persönlich war es nichts Negatives. Ich habe das Buch während meiner Flitterwochen auf Fuerteventura gelesen, konnte mich also an langen Strandtagen voll und ganz darauf konzentrieren und obwohl ich „nur“ die gekürzte, 608-seitige Fassung zur Verfügung hatte, war trotzdem keine einzige Seite überflüssig. Die Länge ist also für mich persönlich kein negativer Aspekt.
Ergo möchte ich mich hier mal aus dem Fenster lehnen und sagen: Es gibt an diesem Buch absolut nichts, was mir nicht gefallen hätte.

Fazit

Last but not least möchte ich hier noch erwähnen, dass sich diese Rezension in erster Linie auf die gekürzte Fassung bezieht. Die ungekürzte Version ist mir allerdings ganz und gar nicht unbekannt! Ich habe das Glück, dass in meiner Universitätsbibliothek eine Originalausgabe – oder besser gesagt: die Originalausgabe in mehreren Bänden – in der Originalsprache Französisch rumsteht. Ein unglaublich dicker Wälzer und ich habe einige Stunden damit verbracht, darin zu schmökern. Also: auch, wenn ich hier de gekürzte Taschenbuch-Fassung rezensiere, habe ich doch die Originalausgabe im Hinterkopf.

So viel nun dazu!
Mein Fazit? Die Elenden lehrt dem Leser wahre Werte. Freundschaft, Nächstenliebe, Hingabe und Hoffnung sind das, worum sich der Roman dreht. Ich habe gelernt, was es bedeuten kann, neue Hoffnung zu schöpfen und niemals aufzugeben für das zu kämpfen, was man eigentlich schon für verloren glaubt. Ich habe miterlebt, wie tief die Liebe einer Mutter gehen und was ein wahres Versprechen bedeuten kann. Mir wurde gezeigt, wie sich ein Mensch nur für das Wohl eines anderen Menschen aufopfern kann – und dieser es noch nicht einmal bemerkt. Ich habe gezittert, gehofft, mitgefiebert, geweint. Ich habe aber auch gelacht. Victor Hugo hat eine vollkommene und unglaublich wertvolle Geschichte geschrieben, die eine Bereicherung für diese Welt ist – egal, in welchem Jahrhundert sie gelesen wird.

Ich empfehle wirklich jedem, die vielen Stunden aufzubringen, um diesen Roman zu lesen. Denn auch wer das Musical oder den Film kennt, wird mit dem Buch noch viele weitere wertvolle Dinge entdecken.

Die Elenden von Victor Hugo ist das großartigste Buch, das ich je gelesen habe und vollkommen zurecht mein All-Time-Favorite!

Bewertung

top herz

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2 Gedanken zu “[Rezension] Die Elenden (Les Misérables) – Victor Hugo

  1. Pingback: [amovielove] Les Misérables – Der Film | abooklove

  2. Pingback: Meine absoluten Lieblingsbücher aller Zeiten! | abooklove

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