[Rezension] Ein ganz neues Leben – Jojo Moyes

Rezension

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Spoiler

 

Worum gehts

Zwei Jahre ist es nun her, seit Will Traynor entschlossen hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zwei Jahre, in denen ein unaussprechlicher Schmerz der tägliche Begleiter in Louisas Leben ist. Sie ist alleine, verzweifelt, weiß nicht weiter. Zurück ins Leben zu finden, nachdem Will sich aus ihrem Leben verabschiedet hat, stellt für Louisa eine große Herausforderung dar, derer sie nicht Herr wird. Nachdem sie einige Monate in Paris lebte, ist sie nun wieder zurück in England, hat sich eine kleine Wohnung in London gekauft und arbeitet an einer Flughafenbar. Sie scheint festgefahren zu sein, kommt nicht weiter. Doch eines Tages klingelt ein Mädchen an ihrer Tür, das Louisas Leben auf den Kopf stellt und sie mit voller Wucht wieder ins Leben zurückkatapultiert.

Einstieg

Die Geschichte setzt gut zwei Jahre nach Wills Tod an. Man wird zunächst direkt hineingeworfen in Louisas neuen Alltag an einer Flughafenbar. Der Einstieg in die Geschichte fällt dabei leicht, ganz langsam werden die Geschehnisse und Personen aus dem Vorgängerroman wieder in Erinnerung gerufen. Man gleitet sanft und locker hinein in diese neue Geschichte, was mir sehr gefallen hat, schließlich ist es nun auch schon einige Zeit her, dass ich Ein ganzes halbes Jahr gelesen habe.

Schreibstil

Moyes‘ Schreibstil ist einfach nur wunderbar. Locker und leicht erzählt sie Louisas Geschichte, ihre Worte treffen dem Leser dabei aber mitten ins Herz. Ich konnte mich so gut in Louisas Lage hineinversetzen und richtig fühlen, wie der Schmerz über Wills Verlust an ihrer Seele, ihrem Herzen nagt. Oftmals fühlte ich mich schlecht deshalb, an anderen Stellen konnte ich aber wieder herzlich lachen. Moyes streut in ihre Worte einen unglaublich erfrischenden Humor. Schön finde ich auch, wie Moyes mit Bildern und Sprichwörtern spielt. Im Leben den Hat verlieren – das geschieht mit Louisa, spätestens dann, wenn sie vom Dach fällt. Im Leben nicht weiter kommen – auch das wird deutlich, wenn sie tagtäglich von ihrem neuen Job in einer Flughafenbar dabei zusieht, wie Menschen in Flugzeuge steigen und in neue Abenteuer aufbrechen, während sie selber von dort nicht wegkommt. Weinen, Lachen, Mitfühlen – das alles bekommt man in diesem Roman auf dem Silbertablett servEin ganz neues Leben Zitat 1iert!

 

Charaktere

Im Grunde genommen sind die Charaktere die gleichen wie in Ein ganzes halbes Jahr. Man trifft wieder auf Familie Traynor, diesmal in einer etwas anderen Konstellation, was die Geschichte aber wahnsinnig gut fortsetzt. Auch Familie Clark ist wieder mit von der Partie. Mr und Mrs. Clark, der Großvater, Treena und Tom – was liebe ich diese Familie! Herrlich locker, direkt, witzig und immer für einen Spaß zu haben – auch wenn sich die ein oder anderen Mitglieder dieser Familie auf eine kleine Krise hin bewegen.

Die Geschichte dreht sich in erster Linie um Louisa und Lilly, aber auch Sam spielt in deren Verlauf eine besondere Rolle. Was die Charaktere an sich angeht, sind sie Moyes wirklich gut gelungen. Louisa ist nicht mehr die Person, die sie in Ein ganzes halbes Jahr war. Sie ist in sich gekehrt, traurig, kommt nicht mit dem Schmerz und der Lücke klar, die Will in ihrem Leben hinterlassen hat. Dann taucht plötzlich Lilly auf und stellt Louisas Leben komplett auf den Kopf.
Lilly ist ein waschechter Teenager, der geplagt ist von pubertären Gefühlskrisen. Da ist Chaos vorprogrammiert! An manchen Stellen wirkte Lilly auf mich zwar etwas stark übertrieben und unglaubwürdig (Im ersten Moment hasst sie Louisa, im nächsten liebt sie sie, dann rebelliert sie wieder und plötzlich ist sie brav), aber wenn ich mal richtig drüber nachdenke, macht es eigentlich sehr viel Sinn. Sie hat in ihrem Leben unglaublich viel durchgemacht, weiß nicht wohin mit sich selber und ihre Mutter ist eine Bestie – an dieser Stelle ein großes Lob an Mrs. Tanya Houghton-Miller! Perfekter hätte Moyes diese Person nicht erschaffen und beschreiben können. Was hab ich dieses Weib gehasst 🙂
Schließlich kommt noch Sam hinzu. Auch er wirkte auf mich insgesamt ein wenig erzwungen und unglaubwürdig, trotzdem ist er Moyes wahnsinnig gut gelungen. Ein sexy Kerl, dazu noch Sanitäter… Das kann Frauenherzen ja nur zum Schmelzen bringen!

Verlauf

Im ersten Drittel des Buches machte die Geschichte auf mich zunächst einen unglaublich konstruierten und an den Haaren herbeigezogenen Eindruck. Ich habe mich öfter gefragt, warum es diese Fortsetzung eigentlich gibt. War sie wirklich nötig? Musste man unbedingt noch mehr Geld daraus machen? Die Charaktere sind zwar wirklich sehr gut getroffen und wunderbar beschrieben, aber alles zusammen wirkte doch sehr erzwungen. Plötzlich steht da ein Mädchen, das behauptet, Wills Tochter zu sein. Louisa fällt vom Dach und verliebt sich in den Sanitäter – ja, gut, aber im Ernst? Dementsprechend quälte ich mich auch wahnsinnig durch die ersten 150 Seiten. Ab ungefähr der Hälfte nahm die Geschichte dann ein wenig an Fahrt auf. Familie Clark wiederzutreffen war unglaublich erfrischend, ich liebe diese Personen einfach! Und auch Familie Traynor habe ich (wieder) mit offenen Armen begrüßt. Natürlich haben sich seit Wills Tod nicht nur in Louisas Leben einige Dinge verändert. Mit einem solchen Verlust weiterzuleben ist schwierig und jeder geht dabei einen anderen besonderen, manchmal auch negativen Weg.
Louisa verliert den Halt – im übertragenen und im wortwörtlichen Sinn. Neben Lilly taucht dann auch noch Sam in ihrem Leben auf. Nett, sexy – und scheinbar ein Arschloch. Deshalb habe ich auch relativ schnell wieder mit dieser Figur abgeschlossen. Doch plötzlich stellt sich alles nur als großes Missverständnis heraus und Louisa verliebt sich in ihn. Ein cleverer Schachzug von Moyes, den ich aber für zu einfach gelöst halte. Neben diesem Beziehungs-Auf-und-Ab fährt auch die gute Lilly ordentlich Achterbahn und stolpert von einer Krise in die nächste. Am Anfang war das noch okay, aber mit der Zeit wurde es für mich ein wenig übertrieben.

Ende

Das Ende, ja, das Ende… Also ehrlich: SO NICHT! Mit diesem Ende war ich einfach absolut nicht einverstanden. Nicht dass es schlecht war, nein nein! Wieder einmal zaubert Moyes an dieser Stelle ordentlich, was stilistisch und gefühlsmäßig einfach nur perfekt gelungen ist. Die Klimax wird kurz vor dem Ende erreicht: Louisa und Sam sind miteinander glücklich, dann aber die große Frage: Führen wir hier eine echte Beziehung oder nicht? Louisa ist unsicher, Wills Verlust nagt immer noch an ihrem Herzen. Und Sam fühlt sich wie das Dritte Rad am Wagen – Konkurrenz zu einem Toten! Die Krise bahnt sich an, Sam will Louisa nicht mehr sehen, ihr wird klar, dass sie ihn liebt, sie rennt ihm hinterher, Spannung, Spannung, Spannung – PENG! Sam wird angeschossen, überlebt aber mit sehr viel Glück. Louisa weicht nicht von seiner Seite, er wird gesund, beide werden glücklich und…. Louisa haut ab nach Amerika?! Äh, Hallooo??? Spinnt sie jetzt? Damit kam ich ganz ehrlich nicht klar. Literarisch ist das Ende wirklich sehr gut gelungen. Aber emotional? Liebe Miss Moyes, DAS KÖNNEN SIE MIT MIR NICHT MACHEN!!!

Was mir gefallen hat

Der Schreibstil ist hervorragend, Moyes ist einfach ein Genie auf ihrem Gebiet. Sie kann mit Worten jonglieren, Bilder in den Köpfen der Leser zaubern, Gefühle vermitteln, Herzen zerreißen – und das alles mit einer ordentlichen Portion Humor.
Ihre Charaktere sind einfach punktgenau gezeichnet, man möchte sie allesamt einfach nur feste in die Arme nehmen (und nie mehr loslassen).
Das letzte Drittel des Buches hat mich gepackt und in der Luft zerrissen. So muss ein Roman sein!

Was ich nicht so gut fand
An manchen Stellen wirkt die Geschichte und teilweise auch die ein oder andere Figur ein wenig unglaubwürdig und erzwungen. Ich konnte Moyes nicht alles zu 100% abkaufen, aber irgendwie hat sie es geschafft, dass am Ende wieder alles stimmig und gut ist.
Obwohl man sehr leicht in die Geschichte einsteigen kann, hat sich besonders das erste Drittel doch sehr in die Länge gezogen. Es kam mir vor, als würde Moyes jeden einzelnen Tag dieses Sommers von früh bis spät erzählen, es passiert einfach wahnsinnig viel. Deshalb habe ich auch sehr lange an dem Buch gekaut, am Ende waren es immerhin fast fünf Wochen! Zwischendurch habe ich es für einige Zeit auf die Seite gelegt, weil ich nicht sicher war, ob ich wirklich zu Ende lesen möchte (siehe hierzu auch mein Book Journal).

Fazit

Diese Fortsetzung von Ein ganzes halbes Jahr ist trotz einiger kleiner Schwächen wirklich sehr gelungen, auch wenn ich mich zwei, dreimal fragen musste, ob sie wirklich notwendig war. Die Geschichte fängt ein wenig schleppend an, hat einen kleinen Minihöhepunkt zwischendurch, fällt dann wieder ab, plätschert fast ein bisschen monoton dahin, aber am Ende holt sie dann doch wieder alles raus. Ich hab Blut und Wasser geschwitzt, als Sam angeschossen wurde. Ich hatte einfach konkrete Bilder im Kopf und das hat mich zerfetzt. Das war eine Explosion, die diesem Roman definitiv mehr Bewertungssterne eingebracht hat! Zwischendurch war ich nämlich gar nicht begeistert von der Geschichte und hätte sie mit 3/5 Sternen bewertet. Den vierten Stern hat sie sich aber verdient. An Ein ganzes halbes Jahr kommt sie dann aber doch nicht ran, dieser Roman ist einfach unvergleichbar. Ein ganz neues Leben ist zwar eine ganz neue, eigene Geschichte, aber der Vergleich zum Vorgänger bleibt einfach bestehen. Trotz alledem: Gute Arbeit, Frau Moyes, wirklich gute Arbeit!

Bewertung

4 herzen

… und kurz vorm Überschwappen auf den fünften Stern!

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4 Gedanken zu “[Rezension] Ein ganz neues Leben – Jojo Moyes

  1. Hey Andrea 🙂

    da sind wir ja am Ende doch noch auf dieselbe Bewertung gekommen. Genau wie du, bin ich mir nicht sicher, ob die Fortsetzung sein muss. Denke aber, dass sie ein schöner Bonus ist 🙂 Vom Ende war ich auch erst geschockt und dachte auch, dass kann doch nicht alles sein. Hab dann aber weiter drüber nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Beziehung von Lou und Sam sich so weit bestätigt hat, dass sie eine Trennung (auf Zeit) übersteht, aber Lou nach dem tief jetzt auch erstmal wieder an sich denken muss. Klingt das logisch?

    Liebe Grüße
    Tati

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    • Hey Tatze 🙂
      Ich freue mich immer riesig über deine Kommentare!
      Allerdings, am Ende konnte das Buch nochmal einiges rausholen, aber dieser Schluss…. ach, ich weiß nicht! Ich verstehe, was du meinst, aber nachdem Sam angeschossen wurde und im Krankenhaus lag, war ich einfach so fertig mit den Nerven, dass ich nur noch dachte: Jetzt müssen sie aber endlich zusammenkommen und glücklich werden! Tun sie ja irgendwie auch, aber ich hoffte wirklich, dass Lou entweder bei ihm bleibt und sie gemeinsam das Haus fertig bauen oder Sam mit nach Amerika kommt. Das würde zwar beides nicht ganz so viel Sinn ergeben, aber für etwas anderes hatte ich wirklich keine Nerven 😉 Mein Mann hat richtig Angst bekommen, weil ich das Buch im letzten Kapitel irgendwann angeschrien hab 😀
      Ganz liebe Grüße!
      Andrea

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      • Hey Andrea 🙂

        also für mich kommen sie auch zusammen und sind für immer glücklich. Das muss einfach so sein 😀 Mein Mann ist auch immer überrascht, wenn ich mich schrecklich über Bücher ärgere 😀

        Liebste Grüße
        Tati

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  2. Pingback: Lesemonat November | abooklove

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