[Rezension] Kreidemädchen – Carol O’Connell

Rezension

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spoilerfrei

Worum gehts

Im Central Park irrt ein kleines Mädchen vollkommen alleine herum. Mit ihren roten Haaren, der blassen Haut und dem spitzen Gesicht erscheint sie wie ein feenhaftes Wesen. Sie ist freundlich und geht offen auf andere zu – ein leichtes Opfer für pädophile Perverslinge, die sich im Park herumtreiben.
Das Mädchen ist auf der Suche nach ihrem Onkel Red. Die Detectives staunen nicht schlecht, als sie ihnen erzählt, er habe sich in einen Baum verwandelt. Zudem hat die Kleine noch Blutspuren auf ihren Schultern. Doch dann entdecken sie die Leiche, die in einem Baum hängt. Das seltsame Mädchen scheint dabei mehr erlebt zu haben, als man am Anfang vermuten mag…

Einstieg

Der Thriller beginnt Knall auf Fall und sehr geheimnisvoll mit einer Unmenge an Ratten, einem seltsamen kleinen Mädchen und einer Leiche in einem Baum. Es folgen noch einige weitere Leichen bzw. Opfer, die alle auf die gleiche brutale Weise getötet/misshandelt wurden. Ein sehr spannender Einstieg, der definitiv neugierig auf den weiteren Verlauf macht!

Verlauf

Obwohl die Geschichte sehr vielversprechend und spannend anfängt, geht ihr relativ schnell die Luft aus. Die gesamte Action findet im Grunde genommen auf den ersten 80 bis 100 Seiten statt, wenn immer wieder neue Opfer aufgehängt in den Bäumen des Central Parks gefunden werden. Und dann ist da noch Coco, das kleine mysteriöse Mädchen, das dringend ein wenig Zuneigung und menschliche Nähe sucht und dabei ein leichtes Opfer für Kinderschänder zu sein scheint. Was hat sie mit den Leichen zu tun? Warum sind auf ihren Schultern – und nur dort – Blutflecken? Und warum weiß sie so unglaublich viel über Ratten, die urplötzlich in Scharen im Central Park unterwegs sind?

Das alles ereignet sich im ersten Drittel des Thrillers und wirkt äußerst vielversprechend. Danach folgen aber leider nur noch langweilige Ermittlungsarbeiten, seitenlanges Geblubber, uninteressante Informationen und ständige Orts-und Perspektivenwechsel. Der Verlauf der Geschichte hat mich definitiv nicht vom Hocker gehauen und immer mehr gelangweilt. Oftmals habe ich auch den Durchblick verloren, weil beispielsweise nicht immer klar war, welche Personen gerade anwesend sind, wo sich die Szene abspielt und was überhaupt Sache ist. Spannung wurde dabei quasi kaum aufgebaut, außerdem war die Geschichte an vielen Stellen sehr, sehr durchsichtig. Dadurch wusste ich auch relativ schnell, wer dieser sagenumwobene Hungerkünstler war.

Was mir allerdings gut gefallen hat, waren die Rückblenden am Anfang eines jeden Kapitels, die jeweils kurze Episoden aus dem Leben des jungen Ernest Nadler a.k.a. Dead Ernest – der Junge, dem niemand glauben wollte, bis es zu spät war – gezeigt haben. Diese kurzen Erzählungen haben an einigen Stellen Licht ins Dunkel der Geschichte gebracht und waren außerdem richtig erschütternd.

Charaktere

Die Charaktere konnten mich leider überhaupt nicht überzeugen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis ich herausgefunden habe, wer eigentlich der Protagonist in diesem Thriller ist: Es ist Detective Kathy Mallory, die sich aber von allen nur mit ihrem Nachnamen ansprechen lässt. Eine junge Polizistin, die widersprüchlicher und unsympathischer nicht sein könnte. Sie ist blutjung, sehr hübsch, blond, super erfolgreich, intelligent, hat scheinbar so etwas wie psychische Probleme (?), wird von ihren Kollegen gefürchtet und gleichzeitig hoch geschätzt. Die Widersprüche hier: Sie ist noch sehr jung, aber schon wahnsinnig erfolgreich und erfahren in ihrem Beruf – kann sowas denn sein? Außerdem hat jeder großen Respekt vor ihr, weil sie so furchteinflößend und unberechenbar ist – aber gleichzeitig wird die abgöttisch geliebt? Naja…
So viel zu den Fakten. Auf mich wirkte die Protagonistin leider sehr unsympathisch – so schlimm habe ich es tatsächlich selten empfunden. Ich sah sie als eine steife, emotionslose Roboterfrau mit eingefrorener Mimik und automatisierten Bewegungen. Das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber genau dieses Bild hatte ich beim Lesen die ganze Zeit über im Kopf. Ich denke, dass ihr Mangel an Emotionen sogar von der Autorin intendiert ist, denn zum Ende der Geschichte stellt sich auch immer mehr heraus, dass auch Mallory emotional sein kann. Sollte das der Fall sein, ist die Skizzierung dieses Charakters wirklich gut getroffen!

Auch Mallorys Partner Detective Riker spielt in dem Buch eine wichtige Rolle, aber leider erfährt man nicht sonderlich viel über ihn. Er steht stark in Mallorys Schatten, trotzdem wirkt das, was man über ihn erfährt, im Gegensatz zur Protagonistin sehr sympathisch.

Die drei „Kinder“ Aggy, Willy und Humphrey – die Opfer des Hungerkünstlers – werden sehr treffend porträtiert. Es handelt sich um psychopathische, sadistische Kinder, die sich auch im Erwachsenenalter kein bisschen gebessert haben. Durch ihre grauenhaften Charaktere und ihr widerwärtiges Verhalten gegenüber Ernest, der ihnen als Kind zum Opfer fiel, stellen sie einfach die perfekten Antagonisten in der Geschichte dar.

Dann ist da noch Coco, das kleine feenhafte Mädchen, das eine wichtige Rolle in Mallorys Ermittlungen – und auch in ihrem Leben – spielt. Sie wirkt richtig hilflos, verwundbar und verloren, gleichzeitig aber auch herzallerliebst. Man muss sie einfach lieb haben!

Schreibstil

O’Connells Schreibstil war im Großen und Ganzen leider sehr wirr und inkonsequent. Oftmals wusste ich gar nicht, was gerade eigentlich los ist, da immer wieder zwischen verschiedenen Szenen gewechselt wurde. Die Autorin schreibt sehr ausschweifend und informationsträchtig, an manchen Stellen aber auch durch saloppe und humoristische Ausdrücke erfrischend erheiternd, was die trockenen Stoff doch etwas erträglicher machte.

Was mir gefallen hat

Gut gefallen hat mir der knallharte, fesselnde Einstieg, der definitiv neugierig auf Mehr macht. Auch Ernest Nadlers Erzählstrang hat mich sehr bewegt, denn er war wirklich tragisch und mitreißend, ebenso wie Cocos Lebensgeschichte. Ich muss zugeben, dass ich bei Thrillern, in denen kleine Kinder ausschlaggebende Rollen spielen und zu Opfern werden, immer etwas vorsichtig bin, da mir sowas immer sehr nah geht. Aber die Porträtierung dieser involvierten Kinder ist – trotz der Grausamkeiten, die sie erleben – wirklich gelungen!

Was ich nicht so gut fand

Leider hatte ich sehr große Probleme mit der Protagonistin Mallory. Ich kam einfach nicht mit ihrer Art, ihrem Charakter klar. Auch die Sprunghaftigkeit des Erzählstils und der totale Spannungsverlust haben das Lesen für mich sehr erschwert. Eigentlich sehr schade, da die Idee dahinter doch sehr gut ist!

 

Fazit

Eine knallharte Exposition mit hohem Potenzial, doch leider geht der Geschichte sehr schnell die Luft aus.
Bewertung3 herzen

Vielen Dank an den btb-Verlag und das Bloggerportal für das Rezensionsexemplar! 🙂

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Ein Gedanke zu “[Rezension] Kreidemädchen – Carol O’Connell

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