[Rezension] Das Licht der letzten Tage – Emily St. John Mandel


Das Licht der letzten Tage Header

Worum gehts

Niemand konnte ahnen, wie zerbrechlich unsere Welt ist. Ein Wimpernschlag, und sie ging unter. Doch selbst jetzt, während das Licht der letzten Tage langsam schwindet, geben die Überlebenden nicht auf. Sie haben nicht vergessen, wie wunderschön die Welt war. Sie vermissen all das, was einst so wundervoll und selbstverständlich war, und sie weigern sich zu akzeptieren, dass alles für immer verloren sein soll. Auf ihrem Weg werden sie von Hoffnung geleitet – und Zuversicht. Denn selbst das schwächste Licht erhellt die Dunkelheit. Immer. [Verlag]

Meine Meinung

Das Licht der letzten Tage ist wahrscheinlich eins der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe. Die Geschichte ist so unglaublich zart, aber auch tiefgründig, erschreckend, faszinierend und vor allem real. Sie hat mich tief im Herzen berührt und mich noch sehr lange beschäftigt. Eine superknappe Kurzfassung der Geschichte würde lauten: Die Menschheit wird von einer Pandemie fast komplett ausgelöscht.

Die lange Version des Inhalts ist da schon etwas schwieriger., denn Das Licht der letzten Tage ist einfach keine ‚normale‘ Geschichte, die geradlinig erzählt wird.

Zunächst sollte erwähnt werden, dass es in dieser Geschichte keine ‚richtige‘ Hauptfigur gibt. Es dreht sich um mehrere Personen, die auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, aber doch auf wunderbare Weise durch eine klitzekleine Gemeinsamkeit miteinander verbunden sind.
Erzählt wird die Geschichte aus eben jenen Perspektiven, und zwar sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart und in der postapokalyptischen Zukunft. Am besten wickle ich das Buch einfach über die Charaktere auf:

Arthur Leander
Obwohl Arthur Leander bereits im ersten Kapitel stirbt (keine Sorge, das ist kein Spoiler ;)) und mit der Pandemie, die die Menschheit wie die Fliegen sterben lässt, gar nichts zu tun hat, dreht sich in diesem Buch irgendwie alles um seine Person. Erzählt wird im Grunde seine Geschichte, und zwar von Anfang bis Ende. Wer er war, wie er gelebt hat, was er erreichen wollte und ganz besonders: Wen er auch noch Jahrzehnte in der Zukunft in einer Welt, in der es keine funktionierende Zivilisation mehr gibt, beeinflusst.

Arthur wollte schon immer Schauspieler werden und entscheidet sich, diesen langen und harten Weg zu gehen. Er verlässt die kleine, heile Welt, in der er aufgewachsen ist, und zieht nach Toronto. Er nimmt Schauspielunterricht und arbeitet nebenher hart, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Anfangs bekommt er nur kleine Rollen in unwichtigen Produktionen. Doch auch der steinigste Weg führt irgendwann zum Ziel, und so ergattert Arthur immer bessere Rollen, bis er irgendwann große Hauptrollen spielt und zu einem weltberühmten Schauspieler avanciert. Doch der Ruhm fordert auch seine Opfer: An ein Privatleben kann Arthur kaum noch denken, er lebt quasi in der Öffentlichkeit. Das ist auch ein Grund, warum seine Ehen stets in einer Scheidung enden und sich sein eigener kleiner Sohn von ihm distanziert.

Mit Mitte 50 erhält Arthur dann die Rolle, die er schon sein Leben lang spielen will. Er stellt den König Lear in Shakespeares gleichnamigen Theaterstück dar – und genau dort stirbt er auch, denn mitten im Stück erleidet Arthur einen Herzinfarkt und stirbt noch auf der Bühne vor den Augen des Publikums.

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Jeevan
Auch Jeevan wurde vom Leben und Wirken des Arthur Leander beeinflusst. Er ist Sanitäter und sitzt am Abend von Arthurs Tod im Publikum. Jeevan versucht noch, Arthur zu reanimieren – leider vergebens.
Das war aber nicht der einzige Moment, in dem Jeevan auf Arthur traf. Bevor er Sanitäter wurde, war er als Paparazzo und Journalist unterwegs und Arthur stets auf den Fersen. Er bewunderte ihn und sein Wirken, hatte immer großen Respekt vor Arthurs Leben. Da traf es ihn natürlich sehr, dass er sein Leben am Ende nicht retten konnte.
Als Jeevan an diesem kalten Winterabend in Toronto vom Theater nach Hause geht, hört er zum ersten Mal von der georgischen Grippe. In den östlichen Ländern hat sie bereits tausende Opfer gefordert, und nun kommt sie auch nach Amerika. Sie breitet sich aus wie ein Lauffeuer und tötet jeden binnen weniger Tage: Kommt man einmal mit den Viren in Berührung, spürt man schon nach wenigen Stunden die ersten Symptome. Und nach wenigen Tagen ist man tot. Es gibt kein Medikament dagegen, keine Rettung. Doch Jeevan reagiert schnell, tätigt um Mitternacht im dichtesten Schneegestöber noch einige Hamsterkäufe und verbarrikadiert sich gemeinsam mit seinem Bruder in dessen Wohnung – nur so schafft er es, zu überleben.

Kirsten
Als achtjähriges Mädchen spielte Kirsten an der Seite von Arthur Leander im Theater und baute so ein enges Vertrauensverhältnis zu ihm auf. Auch sie überlebt die georgische Grippe und so treffen überwiegend 20 Jahre in der Zukunft auf sie. Gemeinsam mit der „fahrenden Symphonie“ – einer Gruppe aus Schauspielern und Musikern – zieht sie durch die Städte und gibt fast jeden Abend Shakespeares Stücke zum Besten. Sie kann sich kaum an die Zeit vor der georgischen Grippe erinnern, trägt aber stets zwei besondere Erinnerungsstücke bei sich, die ihr sehr viel bedeuten: Ein gläserner Briefbeschwerer, den sie am Abend von Arthurs Tod von einer Mitarbeiterin des Theaters geschenkt bekam, und ein Comicbuch namens „Station Eleven“, das von Arthurs erster Ehefrau Miranda gezeichnet wurde.

Eines Tages machen Kirsten und ihre Truppe Halt in einer Stadt, in der sie vor Jahren zwei Mitglieder der Symphonie zurückgelassen haben, da die beiden ein Baby erwarteten. Sie hoffen natürlich, die beiden wiederzutreffen, allerdings scheint niemand je von ihnen gehört zu haben. Am Abend geben sie wie gewohnt ein Theaterstück zum Besten, brechen aber in der gleichen Nacht noch auf, da in dieser Stadt ein geheimnisvoller und gefährlicher Prophet die Macht an sich gerissen hat und die Gruppe nicht in dessen Visier geraten möchte. So machen sie sich gemeinsam auf den Weg nach Severn City ins sogenannte Zivilisationsmuseum – einem ehemaligen Flughafen, in dem vor 20 Jahren viele Menschen überleben konnten -, wo sie hoffen, ihre Freunde zu finden.

Doch der Prophet und seine Gefolgsleute verfolgen die Truppe heimlich und entführen einen nach dem anderen, bis nur noch Kirsten und ihr Freund August übrig bleiben. Gemeinsam setzen die beiden ihren Weg nach Severn City fort. Kurz vor ihrem Ziel geraten sie aber an die Männer des Propheten und es kommt zu einem spektakulären Showdown.

Des Weiteren treffen wir in diesem Buch noch auf Arthurs Ehefrauen Miranda, die Autorin der Comicbücher, und Elizabeth, mit der Arthur einen Sohn – Tyler – hat. Auch diese drei Personen spielen in der Geschichte eine wichtige Rolle, ich möchte an dieser Stelle aber nicht viel zu ihnen sagen, da ich diese Rezension möglichst spoilerfrei halten möchte. lest einfach selbst 🙂

So viel also zu den Figuren.
Die Art und Weise, wie diese Geschichte komponiert wurde, ist einfach bezaubernd. Wir haben hier keine lineare Abfolge der Geschehnisse, sondern springen immer wieder von der Gegenwart in die Zukunft, von dort in die Vergangenheit und wieder zurück. Dabei wechseln auch immer wieder die Perspektiven: Mal wird aus Sicht von Kirsten erzählt, dann wieder aus Jeevans Perspektive. Besonders häufig findet man sich natürlich in Arthurs Sicht der Dinge und auch Mirandas Erinnerungen sind von hohem Wert für den Fortgang der Geschichte. Man merkt schon: Die Geschichte wird aus sehr vielen Blickwinkeln erzählt. Trotz dieser Vielfalt an Personen, Erinnerungen und individuellen Geschichten schafft es Mandel aber irgendwie, all das schön geordnet und übersichtlich zu präsentieren. Es gab keinen einzigen Moment, in dem ich dachte „Ups, jetzt blicke ich nicht mehr durch!“, ganz im Gegenteil: Die einzelnen Perspektiven und Geschichten gehen so wunderbar ineinander über, dass man stets im Lesefluss bleibt und am Ende alles zusammen ein harmonisches Gesamtbild ergibt. Und das nenne ich mal wahre Erzählkunst! Einfach großartig.

Was die einzelnen Figuren dabei erleben und durchmachen, ist wirklich herzergreifend. Hin und wieder kommt es zu perfekten Konflikten, die mich tief berührt haben und mich wirklich zum Nachdenken brachten. Das Licht der letzten Tage ist eine postapokalyptische Erzählung, aber auch irgendwie doch nicht. Sie sprengt die Grenzen eines jeden Genres und spielt so wunderbar mit einzelnen Elementen, dass man wirklich nur von dieser wahren Kunst schwärmen kann. Dieses Buch ist definitiv nicht wie all die anderen Bücher, die ich bis jetzt gelesen habe. Es ist ein Novum, etwas ganz anderes, ganz Wunderbares! Und das Beste daran: Es ist eine Geschichte, die fiktiver gar nicht sein könnte, und trotzdem so real wirkt wie das Leben vor der Haustür. Die Geschichte hat mich tief im Herzen berührt und regt mich immer wieder zum Nachdenken an. Sie ist so unglaublich echt, real, wirklich – aber auch wieder nicht. Es ist tatsächlich unglaublich schwer zu beschreiben, was dieses Buch ist. Fakt ist aber: Es funktioniert. Und zwar in jedem Detail. Und das macht es zu etwas Wunderbarem.

Das Licht der letzten Tage ist sicherlich nicht mit Spannung durchzogen – wer hier also einen fesselnden Endzeit-Thriller erwartet, ist an der vollkommen falschen Adresse. Es ist aber definitiv ein anspruchsvolles Buch mit viel Herz und Verstand. Und es zeigt, wie unglaublich zerbrechlich unsere Gesellschaft doch ist. An diesem Buch ist einfach alles perfekt: Die Figuren und ihre Lebensgeschichten, das Gerüst, der Erzählstil, die anspruchsvolle Sprache – wirklich alles!

Lest es, Leute. Lest es einfach. Ihr werdet es nicht bereuen.

Fazit

Eine unglaublich tolle, wunderbare, vielfältige und perfekte Geschichte mit hohem Anspruch und viel Stoff fürs Herz und für den Kopf.

Bewertung

top herz

Absolute Leseempfehlung!!!

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3 Gedanken zu “[Rezension] Das Licht der letzten Tage – Emily St. John Mandel

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